Eine Tasse mit großer Geschichte – oder: Kennen Sie Luise Grafemus?

Warum eigentlich kennt keiner diese Frau, da doch eigentlich alles darauf hindeutet, daß sie in einem Atemzug mit den anderen Heldinnen der Befreiungskriege genannt werden müßte?

Eine gebürtige Jüdin und zweifache Mutter meldet sich freiwillig zur Armee und nimmt als Ulan verkleidet an den Befreiungskriegen teil, kämpft in bedeutenden Schlachten, wird mehrmals verwundet, trägt das Eiserne Kreuz, wird sogar Wachtmeister und das alles im Namen der Liebe, weil sie ihren Mann und Ernährer sucht, der irgendwo zwischen Rußland und Frankreich im russischen Regiment Konstantin Garde-Ulanen – wie sie aber erst zu spät erfahren wird – gegen Napoleon kämpft.

Ist das nicht der Stoff, aus denen Heldinnen gemacht werden? Warum also ist Luise Grafemus vergessen? Die Erklärung ist simpel, die Geschichte ihres Lebens ist einfach zu schön, um wahr zu sein, wie wir später sehen werden.

Zugegeben, wir im Museum kannten die Grafemus auch nicht, erst als wir die Erinnerungstasse aus den Befreiungskriegen ersteigern konnten, fingen wir an uns mit ihr zu beschäftigen. Und mit etwas weiblicher Schadenfreude möchte ich doch anmerken, daß die Herren bei der Ersteigerung offenbar blind für das andere Geschlecht waren – sie hatten das eigentlich Sensationelle nicht realisiert, daß es sich bei dem “gewesenen Wachtmeister” um eine Louise und nicht um einen Louis handelte.

In naiver Manier hat sich die Grafemus in schwarzer Ulanen-Uniform und mit dem EK auf der Brust hoch zu Roß darstellen lassen. Da witterten wir natürlich sofort eine spannende “Objektgeschichte”, wie es reichlich gestelzt im Museolgen-Deutsch heißt.

Die Spurensuche nach der Grafemus, bzw. Esther Manuel, wie sie vor ihrer Hochzeit hieß, verlief nicht ganz einfach. Hie und da fand sich ein Hinweis in der Literatur, meist aber immer wieder gern und ungeprüft aus zweiter und dritter Hand übernommene, kümmerliche Anmerkungen im Vergleich zu den Lobgesängen der patriotischen Geschichtsschreibung über Kämpferinnen wie Auguste Krüger oder Eleonore Prochaska. Bei dem damaligen Stand der Nachforschungen, lagen die Überlegungen nahe, daß sie möglicherweise wegen ihrer jüdischen Herkunft “vergessen” worden war oder aber, daß sie, die ihren Lebensabend in St. Petersburg verbracht hatte, einfach aus den Augen verloren gegangen war.

In Rußland aber hatte sie es schon frühzeitig geschafft, so viel Interesse an ihrer Person zu wecken, daß sie im “Russkij Invalid”, einer Zeitschrift entsprechend dem deutschen “Militärwochenblatt”, in der Ausgabe vom 13. Januar 1815 dem staunenden Leserkreis ihre Lebenserinnerungen schildern durfte. Später erschien ihre Geschichte auch in der “Vossischen Zeitung” (Stück 147 vom 9. Dezember 1815) und in den “Rigaischen Stadtblättern” (Nr. 26 vom 28. Juni 1821). Gesuche vor allem um finanzielle Unterstützung fanden sich in den Akten des Preußischen Kriegsministeriums ebenso wie der dazugehörige Schriftwechsel. Ähnlich eifrig scheint Luise Grafemus deswegen mit dem russischen Kriegsministerium korrespondiert zu haben.

In Deutschland hat sich als erster der jüdische Historiograph Moritz Stern ernsthaft mit ihrer Lebensgeschichte auseinandergesetzt und als Ergebnis noch 1935 in Berlin eine Kurzbiographie veröffentlicht. Seine Skepsis gegenüber dem Wahrheitsgehalt ihrer persönlichen Schilderungen ist fast in jeder Zeile zu spüren – um so gründlicher hat Stern die Aussagen auf historische Fehler und Widersprüche überprüft.

Unbekannt war mir bis vor einiger Zeit die Existenz eines weiteren Aufsatzes, der von einem Nachfahren verfaßt, 1992 im “St. Petersburger Panorama” erschienen ist. Diesen Zufallsfund verdanke ich Frau Irina Jarouchevitch, die ich eigentlich gebeten hatte, im Petersburger Archiv den schon erwähnten Aufsatz im “Russischen Invaliden” zu kopieren (aber wie so oft fehlte natürlich genau der entsprechende Jahrgang). Glücklicherweise haben wir dadurch neue Einblicke in ihr späteres Leben bekommen – das aber auch, weil unser Mitglied, Herr Schubersky dankenswerterweise sofort bereit war, den Aufsatz für mich zu übersetzen.

Der “Russische Invalide” druckte folgenden Artikel:

Luise Grafemus oder der weibliche Uhlan

“…allein ist ihm (d. i. der Herausgeber und Verfasser Paul Pomian Pesarovius) nicht ein Invalide vorgekommen, der mehr Ansprüche auf allgemeine Theilnahme und Achtung machen könnte als obengenannter Uhlan…. Sie ist Mutter zweier in Berlin lebender Kinder. Ihr Mann verließ sie vor mehreren Jahren, kam nach St. Petersburg, wo er sich anwerben ließ und 5 Jahre Dienst that. Als seine Frau Luise Manue… (Schon stellen sich die ersten Fragen: Warum eine falsche Schreibweise des Nachnamens, warum nennt sie sich nicht mit dem Namen ihres Mannes, der doch in der russischen Armee gefochten hat? Und warum dann nicht Esther, fürchtete sie, als Jüdin erkannt weniger Chancen zu haben? Was sie jedoch nicht wissen konnte, ihr Mann, ein Berliner Goldarbeiter namens Müller hatte sich aus unbekannten Gründen erst in Rußland in Grafemus umbenannt deshalb blieben ihre Aufrufe in verschiedenen Zeitungen wohl erfolglos.)… erfuhr, daß die Russische Armee in Theutschland einrückte, entschloß sie sich, den Vater ihrer Kinder aufzusuchen. Da ihr Zartgefühl ihr nicht erlaubte, mit den Soldaten von Berlin aus nach Schlesien zu gehen entschloß sie sich, ihr Geschlecht verheimlichend selbst Soldat zu werden.”

Warum hat sie sich nicht dem Troß als Marketenderin angeschlossen? Erforderte die Verkleidung als Soldat tatsächlich weniger “Zartgefühl”? “Sie entdeckte sich Ihrer Königl. Hoheit, der Prinzessin Wilhelm von Preußen (d. i. Marianne von Hessen-Homburg), die ihr ein Pferd schenkte und sie ganz equipierte, indem sie sich im Blücherschen Korps als Uhlan anstellen ließ. Niemand wußte um ihr Geschlecht als die Prinzessin und der Prinz Wilhelm und der Rittmeister der Eskadron, dem sie von Ihren Königl. Hoheiten empfohlen war.” Es mag erstaunen, daß sich das Prinzenpaar, immerhin der Bruder und die Schwägerin König Friedrich Wilhelms III., derartig für eine einfache Frau engagieren, aber vermutlich lag es lediglich an der ihr eigenen Hartnäckigkeit. Ganz sicher aber ist der Eintritt in das Blüchersche Korps, das in Schlesien lag, unwahr, genau wie die folgende Erwähnung von Bautzen. Allerdings ist es möglich, daß sie mit dem “Blücherschen Korps” die gesamte preußische Armee meinte. Laut späterer Angaben in der “Vossischen Zeitung” ging sie nach Königsberg zum 2. Landwehr-Ulanen-Regiment, was wahrscheinlicher ist, da von Ostpreußen her das Hauptheer der russischen Armee vorrückte und somit hier die Chance größer war, den Vermißten zu finden. Wir müssen ihr die Regimentsangabe blind glauben, denn ihr Name taucht in keiner der Listen auf. Es wäre ja möglich, daß der Rittmeister, dem ihr Geschlecht bekannt war, sie nicht verzeichnet hat.

“Sie focht in allen (!) Treffen des denkwürdigen Feldzuges von 1813. Bey Bautzen erhielt sie einen Schuß in den Hals, bey Hanau einen in den Fuß und bey Metz noch eine Wunde, die sie nöthigte zwey Monate lang im Hospital zu Saarbrück zu bleiben, von wo sie aber wieder zum Regimente ging und mit den verbündeten Truppen in Paris einrückte. Ihr Mann, den sie wiedergefunden hatte (29. März 1814 bei Montmartre), blieb im Gefecht vor Paris. Sie hat durch ihren natürlichen Verstand, durch ihre Gegenwart des Geistes und durch ihre Tapferkeit wesentliche Dienste geleistet, die von der Art sind, daß sie die Aufmerksamkeit der hohen verbündeten Monarchen auf sich gezogen. Die Art, wie sie sich über alles äußert, zeugt von so vieler Delicatesse und von soviel feinem und richtigem Tact, der noch durch ihre Natürlichkeit und den Ausdruck der Wahrheit in ihrem Gesichte, wie in ihren Worten erhöht wird, daß man sich der lebhaftesten Theilnahme an ihrem bis jetzt traurigen Schicksale nicht erwehren kann. Zugleich wird man von Achtung für ihre Grundsätze, wie für ihre zärtliche Anhängigkeit an ihre fernen Kinder durchdrungen. Sie erwartet hier die ersehnte Rückkehr Sr. Maj. des Kaisers, der ihren Verdiensten und ihrer Tapferkeit, ebenso wie Ihre Maj. die Kaiserin Elisabeth, hat Gerechtigkeit erfahren lassen. Mehrere menschenfreundliche Personen haben sie zeither unterstützt, und auch der Herausgeber dieser Zeitschrift hat ihr aus der Invalidenkasse 100 Rbl. eingehändigt…”

Luise hielt sich also in St. Petersburg auf. Kaiser Alexander I. hatte sie im Sommer 1814 mit einem Eilboten zu seiner Mutter Kaiserin Maria Feodorowna gesandt, so jedenfalls erzählt sie es 1821, während der “Russische Invalide” die regierende Kaiserin Elisabeth als Wohltäterin nennt. Fünf Monate wurde sie auf einem Schloß verpflegt. Da eine Rückkehr des russischen Kaisers wegen des Wiener Kongresses in nächster Zeit nicht zu erwarten war, machte sie sich auf den Weg nach Berlin. Ein Empfehlungsschreiben des kommandierenden Generals in Königsberg vom 28. April 1814 verschafft der “Wachtmeistersfrau Luise Grafemus” freies Quartier und Verpflegung auf der Reise. In der preußischen Hauptstadt hofft sie vergebens eine Pension für sich zu erwirken. Denn inzwischen war Napoleon aus der Verbannung auf Elba zurückgekehrt, es herrschte wieder Krieg. Nach der siegreichen Schlacht von Waterloo ziehen die Verbündeten in Paris ein und Luise ist auch schon da! Am 17. April verfaßt sie ein lange geplantes Gesuch an den König:

“…Der glückliche Ausgang des Krieges hat mich, ich muß es offen gestehen, für die drey bey verschiedenen Treffen erhaltenen Blessuren zwar hinlänglich entschädigt, dennoch aber ist meine gegenwärtige Lage äußerst critisch, denn es ist eine bekannte Tatsache, daß mein Ehemann schon früherhin mich mit meinen zwei noch unmündigen Kindern in einem völlig vermögens- und nahrungslosen Zustand schon längst verlassen hat. Von dem patriotischen Eifer und die Vaterlandsliebe jetzt nicht weniger als bei den letzten Feldzügen beseelt, würde ich trotz meines schwachen Körpers keinen Anstand nehmen, den Rest meines Blutes auch für das Vaterland ströhmen zu lassen, wenn mir nicht die Mutterpflicht gegen meine zwei noch unerzogene Kinder solches streng verbiethete…”

Wahrlich herzerweichende Worte voller Patriotismus und auch gefahrlos ausgesprochen – der Krieg war ja schließlich beendet! Sie verschweigt hier tunlichst, daß die Suche nach ihrem Mann, der sie nach kurzer Ehe verlassen hatte, von materiellen Gründen motiviert war und nicht durch “schwärmerische und unglückliche Liebe”. Allerdings wollen wir ihr zugute halten, daß vielleicht doch eine kluge Mischung von Vaterlandsliebe, Pragmatismus und sogar ein echtes Interesse am Kriegshandwerk der Beweggrund war.

Andererseits: Wäre Luise wirklich so in Sorge um ihre Kinder gewesen, wie sie behauptet, warum setzte sie sich dann der Lebensgefahr in den Feldzügen der ganzen Jahre aus? Jedenfalls, der König läßt sich erweichen. Er bewilligt ihr zur Unterstützung und für die Rückreise nach Fulda, das sie als ihren künftigen Wohnort angibt, durch seinen Kriegsminister von Boyen einmalig 30 Reichstaler. Vom Kgl. Departement für Invaliden wird sie zukünftig monatlich zwei Taler erhalten. Sie begibt sich aber statt nach Fulda nach Berlin, vielleicht um die Bewilligung der Pension zu beschleunigen, was erst Ende November in Form einer Nachzahlung geschieht. In Fulda wird ein Geheimer Rat mit den weiteren Zahlungen beauftragt, doch Luise ist immer noch in Berlin. Sie nutzt die Gelegenheit, ihre Geschichte erneut zu vermarkten, die Vossische Zeitung druckt einen Aufsatz, der “der mündlichen kunstlosen Erzählung der Kriegerin treu nachgeschrieben” ist.

Hier gibt sie sich erstmalig und einmalig als ehemalige Jüdin zu erkennen. Als ihren Geburtsort gibt sie Hanau an. Ein Beleg dafür konnte schon Moritz Stern im Laufe seiner Nachforschungen nicht mehr auffinden. Um die Verwirrung noch zu vergrößern, stellt Stern fest, daß Luise in der “Vossischen” irrt, wenn sie den Namen des Regimentskommandeurs mit Major von Hermann angibt: wenngleich es sehr wohl Offiziere gleichen Namens in anderen ostpreußischen Regimentern gab, wurde ihr Regiment von einem Rittmeister von Ciesielski befehligt.

Und was ist mit ihren drei Verwundungen? Bei Bautzen (20./21.Mai), wo sie ihre Halsverwundung erhalten haben will, hat ihr Regiment überhaupt nicht gekämpft. Am Fuß verwundet wurde sie laut dem “Russischen Invaliden” in Jüterbogk (6.September), in der “Vossischen” gibt sie Hanau an. In den “Rigaischen Stadtblättern” hingegen erzählt sie nur von Jüterbogk und Metz. Diese beiden Verwundungen sind auch durch Schreiben von Boyen und Schlieffen bestätigt. 1817 in ihrer Petition an den Zaren (von ihr wird noch zu sprechen sein) behauptet sie sogar, daß sie in der Schlacht bei Waterloo, wo sie nie war, durch einen Schuß ihr rechtes Handgelenk “verloren” habe. Seither könne sie die Perlenstickerei nicht mehr ausüben, worin sie bislang Meisterin gewesen sei. Merkwürdigerweise ist in anderen Schilderungen niemals die Rede von einer so gravierenden Verletzung …

Aber geht sie mit ihrer Mitteilung in der “Vossischen” nun nicht doch zu weit, wenn sie behauptet, zum Wachtmeister befördert worden zu sein? Ein solcher Dienstgrad müßte einfach – Geschlecht hin oder her – in den Listen auftauchen. In behördlichen Dokumenten wird sie lediglich als Wachtmeistersfrau oder -witwe bezeichnet.

Aber es kommt noch besser, sie behauptet, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden zu sein, nachdem sie auf dem Durchmarsch durch Holland mit dem Bülowschen Armeekorps einen Offizier und sechs Mann gefangengenommen habe (so in den Rigaischen Stadtblättern). Auch hierfür finden sich in keinen Berichten oder in der offiziellen preußischen Ordenliste von 1817 nur die geringsten Anhaltspunkte. Dennoch scheute sie sich nicht, dies auch den russischen Behörden zu melden und sie schaffte es, auch den deutschen Gesandten in St. Petersburg zu täuschen. Ihre Aussagen wurden offenbar ungeprüft hingenommen. Daher konnte sie es ungeschoren wagen, sich 1818 bei der Geburt ihres Sohnes – sie hatte sich mittlerweile mit dem aus Köln stammenden Buchbindermeister Johann Kessenich in Petersburg verheiratet und lebte in Riga – als “gewesener freiwilliger Ulanenwachtmeister und Ritter des schwarzen eisernen Kreuzes” ins Taufregister eintragen zu lassen, allerdings gibt sie sich als eine geborene Hase aus, der jüdische Name Manuel scheint ihr nicht mehr angemessen zu sein. Ihre mit immer neuen Heldentaten angereicherten Geschichten hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Luise konnte sich des öffentlichen Interesses sicher sein. Das beweist auch die Liste der Taufpaten, darunter immerhin der Erbherzog Karl Friedrich von Sachsen-Weimar, der Ehemann der Großfürstin Maria Paulowna, und der Militärgouverneur von Riga, General Marquis Osipowitsch Paulucci.

Aber zurück zu den Grafemus’schen finanziellen Jongleurstückchen seit 1815. Im Dezember dieses Jahres hielt sie sich noch in Berlin auf, ging dann nach Hanau oder Erfurt, ganz sicher aber nicht nach Fulda, das sie ja als ihren Wohnort angegeben hatte. Wir finden sie dann plötzlich in Köln wieder, wo sie sich an den Oberpräsidenten wendet – wegen der Auszahlung ihrer Pension, um deren Bewilligung sie schon vor langer Zeit gebeten habe. Sie wird doch nicht wirklich vergessen haben können, daß ihr die Pension schon längst zugestanden worden war und sie auch schon Zahlungen erhalten hatte! Weitere Überweisungen waren nach Fulda gegangen. Glaubte sie – in der Hoffnung auf mangelnde Kommunikation zwischen den Behörden –, die Dienststellen austricksen zu können?

Generalleutnant von Schlieffen vom Invalidendepartement ordnete daraufhin an, sie solle sich an die Behörden in Fulda wenden und wenn nachweislich keine Lösung zustande käme, solle Köln die Zahlungen von Dezember an übernehmen. Natürlich brauchte dies alles seine Zeit, zumal Luise Grafemus nach Elberfeld übergesiedelt war. Erst im November 1816 erhielt sie rückwirkend zum 1. Januar ihre Pension. Die Zahlungen wurden im März 1817 eingestellt, als sie nach St. Petersburg übersiedelte. Aber Luise wäre nicht die alte Kämpferin gewesen, hätte sie sich in ihrer neuen Heimat nicht sofort an den deutschen Gesandten gewandt, um ihre Forderungen zu stellen. Zu ihrem Glück machte die Auszahlung keine Schwierigkeiten, zumal König Friedrich Wilhelm persönlich sein Placet gegeben hatte. Vorsichtshalber hatte sie sich noch in Köln 1817 ebenfalls mit einem Gesuch an den Zaren gewandt “mit der Bitte ihrer und ihrer Kinder Armut Aufmerksamkeit zu schenken.” Sie hatte offenbar von dem Ukas vom 12. Dezember 1815 gehört, nachdem allen Hinterbliebenen von Soldaten, die in den Napoleonischen Kriegen gefallen waren, Pensionen zugestanden wurden. Es wurde abgelehnt, da ihr Mann nicht in russischen Diensten gestanden habe.

Luise reiste daraufhin sofort nach St. Petersburg und erneuerte über den preußischen Gesandten ihren Antrag. Fürst Wolkonski, der Stabschef, verlangte nunmehr Beweise und Bescheinigungen. Der Herausgeber des “Russischen Invaliden”, Pesarovius, schaltet sich ein und teilt Wolkonski mit: “…ich habe mich versichert, daß diese Luise Grawemus identisch ist mit der Person, über die im “Russischen Invaliden” berichtet wurde, die nach Bezeugung ihrer Vorgesetzten als Ulan im Korps Bülow von Dennewitz gedient hat … Sie erhielt das Eiserne Kreuz und die preußische Feldzugsmedaille. Aussagen und andere Dokumente beweisen, daß sie das Wohlwollen und sogar die Achtung ihrer Vorgesetzten genoß … die vorerwähnte Grawemus hatte den Rang eines Ulanen-Wachtmeisters…. Aus Bescheidenheit trägt sie normalerweise Frauenkleider, hat jedoch eine Ulanen-Uniform in ihrem Besitz…”

Von wem mag der hilfsbereite Perasovius diese Angaben haben, wenn nicht von Luise selbst? Und die wußte gewiß, wie sie die Wahrheit beschönigen konnte. Drei Tage später ergänzt er seine Aussagen noch: Ihr Mann sei 1806 in russische Dienste beim Garde-Ulanen-Regiment in Strelne eingetreten und wäre zum Zeitpunkt seines Todes Offizier gewesen. Russischerseits beginnen die Nachforschungen erneut, in Archiven, im Ministerium, beim Garde-Ulanen-Regiment, aber ein Grafemus ist weder bei den Inskribierten noch bei den Gefallenen aufgeführt. Damit steht für die Behörden fest: Es hat keinen Grafemus gegeben, also gibt es auch keine Pension für Luise.

Natürlich muß es schwer gewesen sein, von nur zwei Talern monatlich zu leben, aber Luise hatte alsbald einen Ausweg gefunden: Sie versah sich mit neuem, erfundenen Ruhm. Sie ließ Tassen mit ihrem Abbild und Darstellung ihrer Heldentaten anfertigen, um sie jetzigen und zukünftigen, meist adeligen Gönnern zu verehren, immer in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung. Die Tasse im WGM zählt sicher auch zu diesen “Einschmeichelungsobjekten”, denn die Formulierung vom “gewesenen Wachtmeister” ist ein immer wiederkehrendes, typisches Merkmal dieser Tassen. Moritz Stern beschreibt auch eine Tasse, die sie auf dem Schlachtfeld von Waterloo zeigt, wo sie, wie erwähnt, nie war.

Nach ihrer Heirat geht das Ehepaar nach Riga, wo sich die hilfsbedürftige, aber clevere Luise an die Redaktion der schon mehrfach erwähnten “Rigaischen Stadtblätter” wandte, um ihre “Lebens- und Leidensgeschichte” erneut abdrucken zu lassen. Erstaunlicherweise erfahren wir hier, aber auch nur hier, daß sie sogar schon unter Yorck vor Riga im Einsatz gewesen sei. Man merke auf, das war im Jahr 1812! Sicher wollte sie mit dieser Aussage die lokale Aufmerksamkeit erregen, obgleich sie ja damals dann auf der gegnerischen Seite gekämpft hätte.

Angesichts dieser Ungereimtheiten fragt man sich nun wirklich langsam, ob nicht auch die Unterstützung der Prinzessin Wilhelm 1813 nur eine erfundene Geschichte ist. Dem Leser dieser Zeilen wird es wohl so gehen wie ihrem Biographen Moritz Stern, der je weiter er ihr Leben erforschte, immer skeptischer dem Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen gegenüber wurde.

Die Kessenichs blieben nur kurz in Riga, Luises Mann mochte sich den Zunftbestimmungen nicht fügen. Da half auch keine Protektion von oben, er wurde ausgewiesen und zog mit der Familie nach Mitau. Es folgten noch einige Ortswechsel, bis sie schließlich 1827 für längere Zeit in Wilna blieben. Die nunmehrige Frau Kessenich läßt Lithographien mit Portraits von sich anfertigen, auf denen das EK ihre Brust schmückt. Selbst als sie ein erneutes Unterstützungsgesuch mit beigefügtem Portrait im Jahr 1836 einreicht, fiel dem Bearbeiter nicht einmal auf, daß ein Träger des EK s schwerlich nur zwei Taler als monatliche Pension erhalten könnte.

Ihre Pension wurde wegen ihrer durch die vielen Ortswechsel bedingten Unauffindbarkeit seit 1825 einbehalten, aber dann ausbezahlt, als sich 1837 die Familie in St. Petersburg niederläßt und Luise erhält wegen ihrer “bedrängten und bedauernswerten Lage” (ihr Mann war schwer erkrankt und berufsunfähig geworden) vom preußischen Gesandten 100 Rubel. 1852 nochmals 50 Taler.

Sie bekommt noch zwei Kinder, Elisabeth Anna (1824-1906) und Nicolai Heinrich (? – 1866). Die Kinder aus erster Ehe waren offenbar in Deutschland geblieben. Die “Deutsche Gesellschaft” in Petersburg stellt Luise als Leiterin einer Tanzklasse ein, später wird sie Wirtin im ältesten Gasthof der Petersburger Vorstadt an der Straße nach Peterhof, der “Roten Schenke”. Sie versteht es, sich immer wieder mit ihrer bedeutenden Vergangenheit ins Gespräch zu bringen und wird in den 40er Jahren zu einer Berühmtheit, die mehrfach literarisch gewürdigt wird., etwa in dem Gedicht von N. A. Nekrassow “Das herrliche Fest”, wo ihrer Kessenichscher Tanzschule eine Strophe gewidmet wird. Auch E. Saltikow-Schtschedrin erinnert in seinen Memoiren an sie, ebenso wie I. I. Oreussow in “Die Schule der Gardejunker” und Praporschtschikow 1845-1849: “…Die Wirtin war damals eine Frau Kessenich, eine abscheuliche Alte, die in ihren jungen Jahren … in der preußischen Armee gedient habe in der Art wie unsere Jungfrau Durowa – mit dem Unterschied, daß letztere Husar, die Kessenich jedoch Infanterist (sic!) gewesen ist. Dies stand auf einem Aushang in der “Roten Schenke” zusammen mit einem Bild …, wo sie die Uniform eines preußischen Füsiliers (sic!) …. trägt. Die kriegerischen Taten sind, soweit mir bekannt, jedoch nicht in den Tafeln der Geschichte eingetragen. … ”

Luise Grafemus-Kessenich starb im Oktober 1852 und wurde im Familiengrab in Wolkow begraben. Der älteste Sohn aber setzte die militärische Tradition fort – er wurde Offizier in einem russischen Regiment. Ihre Uniform und der Säbel verblieb bis ins 20. Jahrhundert in Familienbesitz, bis sie in den Wirren des Bürgerkrieges verloren gingen.

Ein Fazit zum Fall Luise Grafemus zu ziehen ist schwer; zu eng liegen Dichtung und Wahrheit beieinander und es gibt zu viele Schlußfolgerungen, die nur auf Indizien beruhen. Nur die Geschichte hat ein Urteil gefällt: wer so in Vergessenheit gerät, kann keine “Heldin aus den Befreiungskriegen” sein – schade eigentlich, es wäre so schön gewesen…..

Aber, Halt! Da gibt es doch noch etwas über Luise zu sagen und zwar von dem Schriftsteller Bernt Engelmann in seinem 1981 erschienen Aufsatz “Sonntagnachmittag” im Preußenfilm. Es sei hier allen zitiert, denen die Verwirrung noch nicht total genug ist: “Doch dann gab es doch noch im Winter 1934/35 einen Preußenfilm, der uns beeindruckte: “Schwarzer Jäger Johanna” mit Marianne Hoppe und Gustav Gründgens in den Hauptrollen. Wir waren begeistert von deren Schauspielkunst …zudem hatte ich eine geheime … politisch brisante Hintergrundinformation, die von Frau Pommer, unserer Näherin stammte: Den “Schwarzen Jäger Johanna” hatte es wirklich gegeben . Nur hatte er, richtiger sie, Luise geheißen, war im Feldzug 1813/14, als Mann verkleidet, bei den Lützower freiwilligen Jägern im Felde gewesen, zweimal verwundet, wegen Tapferkeit zum Wachtmeister befördert und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Soweit stimmten Frau Pommers Mitteilungen völlig überein, mit dem was wir auch in der Schule darüber gehört hatten. Der Clou aber bestand darin, daß dieser heldenhafte “schwarze Jäger, Luise, verehelichte Grafemus, als Esther Manuel zu Welt gekommen war … und nach den strengen Rasseregeln der Nazis hundertprozentig als “nichtarisch” gelten mußte. Sie war nämlich Jüdin gewesen.

Frau Pommer konnte das auf Ihren Eid nehmen, denn sie war eine Urenkelin dieser Wachtmeisterin Grafemus und hatte deren Eisernes Kreuz, das mitsamt einigen Papieren und einem zeitgenössischen Portrait der mutigen Vorfahrin, natürlich in Jägeruniform, noch von den Enkeln in hohen Ehren gehalten worden war, mit eigenen Augen gesehen….”

Einiges über den „Gotha“ zum Nutzen von Heeres- und Ordenskundlern

Angesichts des Porträts oder der Fotografie einer uniformierten und mit Orden geschmückten Persönlichkeit werden jedem an Heeres- oder Ordenskunde Interessierten fast automatisch Fragen kommen wie: Welche Zeit? Welche Armee? Welcher Dienstgrad? Welche Orden in welcher Klasse?
In der Regel werden sich Antworten auf Grund eigener Basiskenntnisse oder unter Zuhilfenahme eines der bekannten Uniform- oder Ordenshandbücher ohne allzu große Probleme finden. Ist der Name des Dargestellten nicht bekannt, ergibt sich sofort als Folgefrage: kann man den Dargestellten auf Grund der gewonnenen Erkenntnisse namentlich identifizieren? Dieses stets reizvolle Unterfangen ist nun doch erheblich schwieriger und gelingt nur durch intensive Suchaktionen in den verschiedensten Quellenwerken wie Ordenslisten, Ranglisten, Staatsanzeiger, Militär-Wochenblatt u.a.

Ist die Suche erfolgreich, der Dekorierte namentlich erkannt, wird es nun meist interessieren mehr über die persönlichen Familienverhältnisse wie Lebensdaten, Eltern, Heirat, Nachkommen u.a. zu erfahren. Hier ist nun „der Gotha“ ein sehr wichtiges Nachschlagewerk, natürlich nur, wenn es sich um eine dem Adel angehörende Persönlichkeit handelt, was in den vorangegangenen Jahrhunderten bei höhergestellten Militärs oder Staatsdienern, von denen sich Porträts erhalten haben, meist der Fall war. Wenn es sich um genealogische Fragen handelt, ist der Ausdruck „…da schaun wir mal im Gotha nach…“ schon fast zum geflügelten Wort geworden. Für den, welcher sich erstmals mit diesem genealogischen Standardwerk beschäftigt, ist zunächst kurz zu erklären, welche Angaben im „Gotha“ zu finden sind:
Das Werk erfasst alle Adelsfamilien in Bandreihen nach fürstlichen, gräflichen, freiherrlichen und untitulierten Häusern unterteilt und bringt jeweils: eine geschichtliche Einleitung mit einer Übersicht des Ursprungs und des Herkommens der adligen Familie, eine Beschreibung des videos porno Wappens, gefolgt von einer Auflistung aller Familienmitglieder, einschließlich der erwachsen Verstorbenen, innerhalb dreier Generationen; bei älteren Familien bis zu den Großeltern, sonst bis zum Diplomerwerber. Die Personaldaten enthalten, allerdings nur in späteren Jahrgängen, Angaben über den Besitz von Orden, worauf am Ende näher eingegangen wird.

Dieser klare Aufbau findet sich aber erst seit dem Jahre 1848, als die Freiherrliche Bandreihe aus der Taufe gehoben wurde. Zu diesem Zeitpunkt war „der Gotha“ aber schon über 80 Jahre alt. Seine geschichtliche Entwicklung ist vielseitig und interessant. Wir finden sie teils im Gotha selbst, wo sie bei Jubiläumsausgaben, so 1863 zum hundertsten und 1913 zum hundertfünfzigsten Jahrgang des Hofkalenders, von den jeweiligen Schriftleitern geschildert wurde, insbesondere aber im Werk „Die Gothaer Taschenbücher“ von Thomas Freiherrn von Fritsch (s. Quellen).

Das 18. Jhd., das Jahrhundert der Aufklärung, des Anstiegs des Lesens und Schreibens Kundiger, des wachsenden Interesses an Naturwissenschaften, an Geschichte, an Astronomie u.a., führte auf dem Büchermarkt zu einem hohen Angebot verschiedenartigster Kalender und Almanache, die in einer Mischung von Unterhaltung und Belehrung nicht zu schwere Abendkost boten, im übrigen teils durchaus von Niveau.

In diesem Rahmen erschien seit 1740 der „Neuverbesserte Gothaische Genealogische Schreibkalender“, der als Vorgänger des 1763 vom Verlag Johann Christian Dieterich herausgegebenen „Gothaischen Kalender“ gilt, wobei Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha eine Anregung dazu gegeben haben soll. Von der 1765-Ausgabe an erschien er auch in Deutsch, was seine Verbreitung über die Hofkreise hinaus gefördert haben dürfte. Wie die Titelunterschrift „zum Nutzen und Vergnügen eingereicht für das Jahr 1865“ zeigt, mit vielseitiger informierender und unterhaltender Thematik. Immerhin waren etwa 30% der Genealogie, allerdings ausschließlich der Regierenden Häuser Europas gewidmet. Dieser genealogische Teil erwies sich als wichtiges Standbein, später als tragender Pfeiler und letzthin als Grundlage zum Aufbau eines Standardwerks der Genealogie des Deutschen Adels, das nunmehr mit kurzer Unterbrechung nach dem II. Weltkrieg bis auf den heutigen Tag auf eine kontinuierliche Herausgabe zurückblicken kann.
Ab 1775 wurde der Verlag von C.W. Ettlinger und ab 1885, zunächst in Pacht von Justus Perthes betrieben. Mit diesem Namen ist dann in fünf folgenden Generationen der „Gotha“ verbunden, der 1942 kriegsbedingt sein Erscheinen einstellen musste.

Nach Kriegsende enteignet, erfolgte eine Neugründung des Perthes Verlags in Darmstadt, allerdings mit der Entscheidung sich dem stets vorhandenen „zweiten Bein“ des Verlags, dem geographischen Fachbereich, zu widmen.
Die Herausgabe eines leicht abgewandelten Nachfolgewerks unter dem Namen „Genealogisches Handbuch des Adels“, erfolgte ab 1951 durch den Verlag Starke zunächst in Glücksburg dann in Limburg an der Lahn.
Nach dieser in groben Strichen gezeichneten Geschichte des Gotha zurück zu den ersten „zum Nutzen und Vergnügen“ gedachten Ausgaben des „Gotha“. Wie waren diese aufgebaut? Als Beispiel möge ein Überblick des Inhalts des Hofkalenders für das Jahr 1795 dienen: Sie beginnt mit einem Kalendarium, wobei jedem Monat ein „Monatskupfer“, das Ereignisse des vergangenen Jahres behandelt vorangestellt und kommentiert wird; so dem Monat März „der Tod Potemkins“, dem Monat Juli „Charlotte Corday vor Gericht“ und dem November „Prinzessin Elisabeth geht zum Tode“. Es folgen Kalender- und astronomische Daten, Jahreszeiten, Finsternisse, Bewegungen der verschiedenen Planeten u.a. interessant die Jahreszahl für die Erschaffung der Welt, die mit 5741 angegeben wird. Nach den Geburtstagen Herzoglich Sächsisch-Gothaischen Hauses und dessen Stammbaum kommt nun nach etwa 30 Seiten das dann, als Herzstück zu bezeichnende, „Genealogische Verzeichnis der jetzt vornehmsten hohen Personen in alphabetischer Reihenfolge“, das immerhin 106 Seiten umfasst. Weitere 114 Seiten dienen Aufsätzen entsprechend dem Untertitel „zum Nutzen und Vergnügen“ des Lesers, von beachtlichem Niveau auf den verschiedensten Fachgebieten, gefolgt von einem statistischen Teil mit Angaben der Einwohnerzahlen größerer Städte und deren Entfernung von Gotha; Fläche, Einkünfte und Kriegsmacht der verschiedenen Staaten u.a. Als Beispiel sei Preußen zitiert:

4.810 Quadratmeilen
7,6 Millionen Einwohner
28 Millionen Einkünfte
21.300 Mann Militärmacht.

Abschließend eine Chronik der Ereignisse der Jahre 1793/94 und weitere Aufsätze.
Die letzten 30 Seiten bilden Tabellenvordrucke für Gewinne und Verluste beim Spiel (!), welche ab der Ausgabe für 1796 entfallen. Bei einer Abmessung von 10,5/6,0 cm erreichen diese frühen bewusst als Taschenbuch gedachten Bände eine Stärke von 1 ½ – 2 cm.

In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens entsprach der Aufbau des Hofkalenders dem vorgestellten Beispiel, wobei man hinsichtlich der Themenwahl bemüht war, den verschiedenartigsten Interessen zu dienen. Nach Fachgebieten unterteilt, findet sich in der Jubiläumsausgabe von 1863 eine Zusammenstellung sämtlicher bislang gebrachter Artikel. So aus der Geschichte „den Streit der Häuser Lancester und York um den englischen Thron“ im Jhd. 1817 und 1825 eine „Chronologische Übersicht der Verfassungsurkunden der europäischen und amerikanischen Staaten“; aus der Naturkunde „Physische Rechenkunst (Angabe der Zeit des Erwachens und zur Ruhegehens der Vögel)“ Jhg. 1780 und im
1815-ner „Einiges über Riesengeschöpfe der Urzeit“. Aus der Astronomie erhält man 1777 „Nachrichten über die am 2. Junius 1777 zu erwartende Erscheinung des Trabanten der Venus und seines Durchgangs durch die Sonnenscheibe“, aus der Erdkunde eine „Beschreibung des Berges und des Klosters Montserrat in Catalunien“ im Jhg. 1810. Auch der Feinschmecker wird im Jhg. 1790 mit einem „Verzeichnis einiger Leckereien und Näschereien nebst der Pariser Adresse“ bedient.

Im übrigen vorzüglich geschrieben – unter den Autoren befindet sich auch der berühmte Prof. Lichtenberg – und noch heute mit Interesse zu lesen.
Für den genealogischen Hauptteil brachte die napoleonische Zeit einige Probleme. Der Einfluss des „allmächtigen und gefürchteten Oberhaupts des neuen Kaiserreichs“ ging so weit, dass dieser, der erst Gründer und nicht Sprössling eines Geschlechts war, durchsetzte, auch bei den übrigen fürstlichen Häusern von der Darstellung von Geschlechterfolgen abzusehen. Dieses Wort verschwand bis zum Niedergang Bonapartes.

Eine Unterteilung der fürstlichen Häuser wurde nach den Freiheitskriegen notwendig. Viele einst souveräne fürstliche und gräfliche Häuser hatten schon durch den Reichsdeputationshauptschluss und dann durch den Wiener Kongress ihre Souveränität verloren und waren mediatisiert worden. So wurde nunmehr in getrennten Abteilungen unterschieden zwischen „den jetzt lebenden Souveränen und ihren Häusern“ und „mehreren anderen in Deutschland, Frankreich und Italien begüterten fürstlichen Häusern“. 1824 wurde dann noch eine dritte Abteilung geschaffen. Sie umfasste die gräflichen Häuser, welchen nach § 14 der Bundesakte und der Bundesbeschlüsse von 1825 und 1829 Ebenbürtigkeit zugesichert und das Prädikat „Erlaucht“ zugestanden wurde.

Somit brachte der Hofkalender die Geschlechter, die unter der Bezeichnung Hoher Deutscher Adel firmierten, und u.a. durch Ebenbürtigkeit gekennzeichnet waren, z. B. Leiningen, Pappenheim.
Nach 1815 entwickelte sich der Hofkalender in zunehmenden Maße aus einer Veröffentlichung „zum Nutzen und Vergnügen“ zu einem rein genealogischen und politischen Werk. Die unterhaltenden und informativen Artikel entfielen und seit 1824 wurde ein zweiter Teil unter dem Titel „Diplomatisches Jahrbuch“ aufgenommen.

Die Kombination Genealogie und Diplomatie erscheint durchaus sinnvoll. In der monarchischen Zeit gehörten gründliche Kenntnisse der Familienverhältnisse der Dynastien und deren enge Verfechtung zum Basiswissen eines Diplomaten, der zudem ohnehin meist selbst adliger Herkunft war.
Dieses „Diplomatische Jahrbuch“ stellte sich die Aufgabe, ein Bild der inneren Organisation der behandelten Staaten zu bringen, informierte über Grundgesetze und Verfassungen, nannte die Ministerien, Verwaltungsbehörden, Justiz und Kirchenbehörden, diplomatische Vertretungen der europäischen Staaten und deren personelle Besetzungen.
In einem statistischen Teil finden sich Angaben über Flächeninhalte, Einwohnerzahlen, Stand der Finanzen, Hauptergebnisse des internationalen Handelsverkehrs, insbesondere, was den Heereskundler interessieren wird, genaue Angabe über Stärke der Land- und Seemacht. Für die deutschen Staaten sind die einzelnen Bundeskontingente gebracht und in den Ausgaben nach der Reichsgründung ausführliche Statistiken über den Bestand der Streitkräfte der vier Königreiche, unterteilt nach Waffengattungen und Dienstgraden, ferner die jeweilige personelle Besetzung von Armeekorps und Divisionen. Den Abschluss des Dipl. Jahrbuchs bildet jeweils eine Chronik des vergangen Jahres.
Sein Umfang überflügelte schon bald den des genealogischen Teils; so enthält als Beispiel der 1891-Kalender 680 Seiten für den diplomatischen Teil, gegenüber 450 für den genealogischen.
Dieser prinzipielle Aufbau des Hofkalenders blieb bis zum Jahre 1926 unverändert, dann wurde das Diplomatische Jahrbuch zu einer selbständigen Reihe. Gegenüber der vielfältigen Illustration der bisherigen Ausgaben des Hofkalenders wird ihm ab der Ausgabe 1832 nur noch ein Porträt vorangestellt, welches eine fürstliche Person oder einen berühmten Staatsmann zeigt. Die 175. Jubiläumsausgabe (1938) bringt eine komplette Auflistung von 617 Porträts, die bislang im Hofkalender und im parallel dazu erscheinenden Almanach veröffentlicht worden waren. Als früheste finden sich 1793 das Bild Kaiser Franz II. und 1796 das Doppelporträt der Kronprinzessin Luise von Preußen und ihrer Schwester Friderike sowie des Feldmarschalls v. Möllendorf. Der Thronverlust verschiedener deutscher Fürsten nach dem 1866-Krieg und der aller durch die Revolution von 1918, führte zwar nicht zu einer Umgruppierung der Unterteilung der fürstlichen Häuser, jedoch zu einer Änderung der Überschrift der 1. Abteilung, in „Genealogie der regierenden Häuser und der im 19. und 20. Jhd. entthronten europäischen Fürstenhäuser“. In der 2. Abteilung verblieben die standesherrlichen und in der 3. Abt. die andern nicht souveränen fürstlichen Häuser Europas.

Bis 1939 erschien der Hofkalender unter seinem traditionellen Namen, die letzten Ausgaben bis 1942 dann unter dem Titel „Fürstliche Häuser“, wie dann auch bei der Neuausgabe nach 1952.
Der Hofkalender behandelte – wie gezeigt – in seinem genealogischen Teil stets nur die regierenden Häuser, fürstliche und gräfliche, dann wie gezeigt auch standesherrliche, also den als Hoher Adel, durch Ebenbürtigkeit gekennzeichneten, Kreis.

Insbesondere durch die Initiative des Sohnes von Justus Perthes, Wilhelm, der seit dem Tode des Vaters 1816 den Verlag leitete, entschloss man sich, nunmehr auch die Genealogien, der nicht regierenden, nicht ebenbürtigen gräflichen Häuser darzustellen, wozu er selbst im Geleitwort zum ersten Jahrgang schreibt (Zitat): „… da wir uns selbst im Besitze von schätzbaren Nachrichten über mehrere andere deutsche gräfliche Familien besessen zu haben, doch durch Ruhm und Ansehen sich auszeichnen, so haben wir solche, um die trotz der Sparsamkeit im Druck sehr angewachsene Bogenzahl des Almanach nicht über die Gebühr auszudehnen, einzeln unter dem Titel: „Genealogisches Taschenbuch der deutschen gräflichen Häuser“ bekannt gemacht…“. Während das erste „Bändchen“ von der neuen, stets grün gebundenen Reihe, nur 51 Familien vorstellte, finden sich in der 1870-er Ausgabe schon 834 Genealogien auf 1.316 Seiten behandelt. Wie beim Hofkalender war jedem Band ein Titelblatt mit Porträts, bekannter Angehöriger gräflicher Häuser – Generale, Minister, Gesandte u.a. – vorangestellt, welche in der Jubiläumsausgabe von 1925 aufgelistet sind.

Ursprünglich wurden alle Familienartikel jährlich wiederholt, ab 1926 dann nur alle zwei Jahre, wobei die geraden Jahrgänge (später mit A gekennzeichnet) den Uradel – Geschlechter die nachweislich vor 1400 dem ritterblütigen deutschen Adel angehörten – brachten, und ungerade (Kennzeichen B) den alten Adel und den Briefadel. Es war nur folgerichtig, nunmehr auch eine weitere Bandreihe für die freiherrlichen Häuser zu schaffen, die teils zu den ältesten deutschen Adelsfamilien zählten. Mit der Herausgabe dieser neuen Bandreihe, mit der 1847 unter der Redaktion des bekannten Genealogen und Heraldiker v. Kronenfels begonnen wurde, lag nunmehr, mit Hofkalender und gräflichen Taschenbuch, eine volle Übersicht des deutschen titulierten Adels vor. Wie Anfangs erwähnt, wurden im Vorwort dieser Bandreihe Grundsätze, nach der jede Familiengeschichte aufzubauen war, vorangestellt, die dann für das Gesamtwerk übernommen wurden. Die hohe Anzahl der zu bearbeitenden Familien – im 75. Jubiläumsband von 1925 waren es 2.227 – machte, trotz der Aufteilung in zwei Bände, für uradlige und briefadlige Häuser, schon 1871 eine Vergrößerung des Formats notwendig. Die Kriegsjahrgänge von 1915 bis 1920 brachten besondere Ehrentafeln für die gefallenen Mitglieder freiherrlicher Familien. Die Ehrentafeln aller Bandreihen wurden nach dem Kriege in einem Sonderband „Ehrentafel der Kriegsopfer des reichsdeutschen Adels“ zusammengefasst.

Von 1862 bis 1920 erfolgte eine Wiederholung der Familiengeschichten in zweijährigem Rhythmus, danach in einem vierjährigen.
Nicht ohne Grund vergingen über 50 Jahre bis sich der Perthes-Verlag zu einer Herausgabe einer vierten Bandreihe, die die adligen Häuser erfasste, womit die genealogische Erfassung des deutschen Adels abgerundet wäre, entschloss. Die Schwierigkeiten lagen zum einen in der für die damalige Zeit fast unübersehbaren Anzahl, in adelsrechtlichen Fragen und vor allem auch in der Problematik des aktenkundigen Nachweises, ohne den auch schon bei den vorangegangenen Bandreihen, keine Aufnahme erfolgte. Im 19. Jhd. waren bereits eine Reihe von Adels-Lexika und Jahrbüchern herausgegeben worden, die aber alle nicht befriedigen konnten. In den letzten Jahren des Jahrhunderts traf der Verlag mit dem Vorstand der Deutschen Adelsgenossenschaft eine Vereinbarung ein „Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adligen Häuser“ erscheinen zu lassen, das auf den Vorarbeiten der Adelsgenossenschaft fußen und als Fortsetzung des Jahrbuchs des Deutschen Adels angesehen werden sollte.
Der erste Band erschien 1900 und brachte die Genealogie von rund 250 Geschlechtern des ältesten Adels (Uradlige Häuser – ab 1932 ersetzt durch: Adlige Häuser A), in den folgenden Bänden wurden bis 1942 mit rund 700 Geschlechtern nahezu der Gesamtbestand der ältesten deutschen Adelsfamilien erfasst. 1907 schloss sich die Reihe der briefadligen Häuser an, die naturgemäß laufender Ergänzung bedurfte und in den letzten Bänden etwa 3.000 Genealogien erfasste. Auch diese Bände zeigten als Titelblatt jeweils bekannte Persönlichkeiten aus dem Kreis der behandelten Familien.
Für die Arbeit mit den „alten Gothaausgaben“ – immerhin über 400 Bände bis 1942 – ist das erwähnte Werk von Thomas Frhr. von Fritsch „Die Gothaer Taschenbücher“ unverzichtbar, denn es bringt in seinem Registerteil, neben einer Bibliographie, ein Verzeichnis sämtlicher behandelten Adelsfamilien in alphabetischer Anordnung, mit der Angabe der Bandreihe und der Jahrgänge, in denen deren Genealogie erstmals und letztmals vorgestellt wird.

Wie erwähnt, übernahm nach dem Kriege der Starke Verlag zunächst in Glücksstadt dann in Limburg an der Lahn die Herausgabe des Nachfolgewerks des „Gotha“, nunmehr als rein genealogisches Werk, zunächst wie vor in vier Bandreihen, später durch ein Adelslexikon auf fünf erweitert.
Als erster Band der neuen Ausgabe erschien 1951 der 1. Jahrgang der „Fürstlichen Häuser“, wobei die Unterteilung in drei Abteilungen beibehalten wurde, also:

I. Regierende und im 19. und 20. Jhd. Entthronte.
II. Standesherrliche Häuser.
III. Andere nicht souveräne Fürstenhäuser.

1952 folgte der erste Band der Gräflichen Häuser Teil A -Uradel- (grün gebunden) und der erste Freiherrnband, dem sich 1953 der erste Band der Adligen Häuser (in grauem Einband) anschloss. Ab 1972 erschienen die Bände des zusätzlichen Adelslexikons. Bis 1999 sind nunmehr 118 der laufend nummerierten Bände der fünf Reihen des Genealogischen Handbuchs des Adels herausgebracht worden.
Im Vorsatz jedes Bandes sind die bislang behandelten Geschlechter aufgelistet mit der Angabe in welchem Jahrgang das betreffende Geschlecht zuletzt enthalten ist, was das Zurechtfinden sehr erleichtert.

Abschließend einige Worte zur Frage ob und in welchem Umfang in den Personaldaten Angaben zum Besitz von Orden gemacht sind:
In den frühen Ausgaben des Hofkalenders finden sich keine. Erstmals finden sich im Hofkalender von 1891 Ordensangaben bei den Personaldaten, so z. B. Großfürst Friedrich von Baden mit dem Schwarzen Adler-Orden und dem Goldenen Flies. 1903 sind dann schon zusätzlich Hubertusorden, St. Andreasorden, Annunciatenorden, Elefanten-Orden, Seraphinorden genannt.
In der Jubiläumsausgabe von 1913 ist dann im Anhang den Orden ein spezielles Kapitel gewidmet und festgestellt (Zitat) „… im genealogischen Jahrbuch werden nur der „Souveräne Orden des heil. Johannes von Jerusalem“ (als souv. Malt. Ri-Orden), der niederl. Deutsche Ritterorden, der preuß. Johanniterorden, der bay. Ritterorden vom heil. Georg und vom heil. Hubertus, die bayer. Theresien- und St. Elisabethorden, der österr. Sternkreuzorden, der preuß. Schwarze Adlerorden, der dän. Elefantenorden, der engl. Hosenbandorden, der ital. Annunciatenorden, der österr. und spanische Orden vom GFlies, der russ. Andreasorden, der sächs. Rautenkranzorden, der schwed. Seraphinenorden, der Orden vom norweg. Löwen und der bulg. Orden der heil. Apostel Kyrill und Method…“.
(Zusatz: Soweit die Redaktion unterrichtet war).
Weder in den Weltkriegsausgaben noch in den der Nachkriegszeit erfolgt eine Erweiterung auf höhere Kriegsauszeichnungen, also weder pour le merite noch Großkreuz des Eisernen Kreuzes. So finden sich z. B. im Jahrgang 1930 für GFM v. Hindenburg nur Schwarzer Adlerorden und Johanniterorden.
Erst 1937 wird die Angabe weiterer Orden aufgenommen. So liest man in der Einleitung zum Jahrgang 1937 der Adligen Häuser (Zitat) „… von Orden nur solche, die den Adel zur Voraussetzung haben oder mit denen der Adel verbunden ist, z. B. Johanniter- oder Malteserorden bzw. Schwarzer Adlerorden; außerdem das Großkreuz des preuß. Eisernen Kreuzes, der preuß. Orden pour le merite, der bayer. Militär-Max-Joseph-Orden, der sächs. Militär-St.-Heinrich-Orden sowie der nationalsozialistische Blutorden. Im Jahrgang 1939 kommen noch dazu: die Ritter des hohenz. Hausordens m. Schw., Großkreuzinhaber des württ. Militär-Verdienst-Ordens, die Ritter des österr. Militär-Maria-Theresia-Ordens sowie die Inhaber des goldenen Parteiehrenzeichens der NSDAP. Im Jahrgang 1942 sind weiter zusätzlich die Ritter des offenbar vergessenen badischen Militär-Karl-Friedrich-Verdienstordens, und das bei Kriegsausbruch 1939 gestiftete Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes aufgenommen.
In der Neuausgabe 1951 ist bei Personenstand unter Punkt 5 festgestellt: „… von Orden im allgemeinen nur folgende: Die bayer. Ritterorden von St. Georg und von St. Hubertus, die bayer. Theresien- und Elisabeth-Orden, der bulgar. Orden des Heil. Kyrill und Method, der dän. Elefantenorden, der engl. Hosenbandorden , der ital. Annunciatenorden, der souveräne Orden des heil. Johannes von Jerusalem (als souv. Malt. RiO.) der Johanniterorden der Balley-Brandenburg, der engl. Johanniterorden von Jerusalem, der Konstantin-Orden von St. Georg, der niederländisch und österr. Deutsche Ritterorden, der österr. Sternkreuzorden, der österr. und span. Orden vom goldenen Flies, der österr. Militär-Maria-Theresien-Orden, das Großkreuz des norweg. St. Olav-Ordens und des rum. Ordens Carol I., der russ. St. Andreasorden, der schwed. Seraphinenorden, der preuß. Schwarze-Adler-Orden, der preuß. Orden pour le merite, der Kgl. Hausorden von Hohenzollern mit Schwertern, der bayer. Militär-Max-Joseph-Orden, der sächs. Orden der Rautenkrone, die Kommandeure des sächs. Militär-St. Heinrich-Ordens, die Großkreuzinhaber und Kommenture des württ. Militär-Verdienst-Ordens, die Ritter des bad. Militär-Carl-Friedrich-Verdienst-Ordens.
Wie zu sehen sind zwar die hohen Auszeichnungen des Ersten Weltkrieges beibehalten worden, nicht jedoch die des Zweiten.

Trotzdem finden sich in verschiedenen Ausgaben der Neuen Reihe, vermutlich auf ausdrücklichen Wunsch der Familien, das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes und seine höheren Stufen vermerkt. Als Beispiel: für den GenLt. Helmuth v. Pannwitz das Ritterkreuz mit Eichenlaub und für den Oberstlt. Georg v. Boeselager das Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern.

Was in der Zeitung steht. Zur Wandzeitung des Wehrgeschichtlichen Museums Rastatt

Zur Darstellung des jeweiligen historischen Hintergrunds der Inszenierungen und Dokumentationen werden im 1999 neu eröffneten Teil der ständigen Ausstellung des Wehrgeschichtlichen Museums Wandzeitungen eingesetzt. Sie sind Teil der innovativen Konzeption der neugestalteten Räume im Südflügel des Rastatter Schlosses, über die von anderer Seite (u.a. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. 10. 1999) schon eingehend berichtet worden ist. Bereits im Entwurf, den das Wehrgeschichtliche Museum zusammen mit den Ausstellungsgestaltern Weese & v. Jacobs im Jahr 1992 ausgearbeitet hatte, war geplant, eine Wandzeitung als historischen Orientierungsrahmen anzubieten; dieser sollte von den in der Ausstellung gezeigten militärgeschichtlichen Einzelthemen unabhängig sein und über zeitgenössische Ereignisse aus Politik, Wirtschaft, Technik, Kultur und Gesellschaft berichten kostenlos porno. Von den derben und anmutlosen Bedürfnissen und Nöten, die bei der Herstellung der Wandzeitung im Umgang mit der Historie auftraten, handeln die folgenden Ausführungen.

Das Medium Wandzeitung eignet sich dazu, Informationen über ein bestimmtes Thema flächig angeordnet, übersichtlich und mit zusätzlichen visuellen Ergänzungen (Fotos, Grafiken etc.) – auch für einen längeren Zeitraum – „auszustellen“. Wandzeitungen lassen den Bearbeitern in der Art ihrer Ausgestaltung umfangreiche gestalterische Freiräume und bieten auf großem Format schnell einen Überblick über das behandelte Thema. Deshalb werden Wandzeitungen häufig in pädagogischen Veranstaltungen, für politische Agitation, an Informationsständen und bei Großveranstaltungen, aber auch im musealen Bereich eingesetzt. Hinsichtlich ihrer Funktion für die Präsentation werden Meinungs-, Ergebnis-, Ideen- und Informationswandzeitungen unterschieden, wobei zumeist die Letzteren im Museum zum Einsatz kommen. Der Begriff „Wandzeitung“ schließt dabei eine Fülle möglicher Gestaltungsformen ein (Kollagen, Handschriftliches, Puzzles, Plakatives etc.), ohne eine Fixierung auf zeitungstypische Formen im engeren Sinn. Die Gestaltung der Rastatter Wandzeitung in Zeitungsform unterscheidet sie von zahlreichen anderen Beispielen; sie darf daher als bewußt getroffene Entscheidung für eine mediale Darstellungsweise gelten, die den geschilderten historischen Zeiträumen und Sachverhalten als besonders angemessen erschien.

Für die praktische Umsetzung dieses Projekts war vorgesehen, die von einem Historiker verfaßten Texte durch eine Graphikerin „zeitungstypisch“ gestalten zu lassen. Geplant war neben der Verwendung zeitungstypischer Gestaltungsformen und Typographie auch der Einsatz von entsprechenden Bestandteilen wie Schlagzeile, Nachricht, Bild, Kommentar und Leserbrief.

Die Plazierung der Zeitung an den Wandflächen zwischen den Fenstern zum Ehrenhof des Schlosses war weitgehend von den Bedingungen des historischen Gebäudes (und den damit verbundenen denkmalpflegerischen und bautechnischen Voraussetzungen) bestimmt und hat sich in der Praxis durchaus bewährt.

Präzisierungen des Konzepts sowie erste Zwischenergebnisse wurden während der Herstellung von allen Beteiligten mit der Museumsleitung beraten. Dabei kamen verschiedene praktische Fragen und methodische Probleme zur Sprache, die im folgenden zusammen mit einigen grundsätzlichen Überlegungen vorgestellt werden sollen.

Historisierendes Zeitungskonstrukt versus „moderne“ Hintergrundinformation

Scheinbar nebensächliche Fragen wie die Auswahl der Schrifttypen oder die Festlegung auf einen Namen für die Zeitung führen zu einem zentralen Problem, das bei vergleichbaren Projekten in ähnlicher Weise zu erwarten ist: nämlich zur Entscheidung für oder gegen ein nachahmend historisierendes Konstrukt. Schon der Verzicht auf die Fraktur bringt zum Ausdruck, daß sich Museumsleitung und Bearbeiter auf eine Wandzeitung in Form eines zeitgemäß, d. h. nicht historisierend gestalteten Informationsmediums festlegten. Dieser Entscheidung liegt die Auffassung zugrunde, daß neben authentischen, historischen Realien der Ausstellung, zu denen auch historische Drucke gehören, für eine ahistorische Rekonstruktion kein Platz ist: Gerade die Authentizität der ausgestellten Uniformen, Waffen und Ausrüstungsgegenstände gehört zu den Ansprüchen, die an Ausstellungsobjekte eines militärgeschichtlichen Museums gestellt werden. Die redaktionellen, beschreibenden Informationen der Ausstellung sollten auch für den Laien ohne weiteres von den gezeigten Originalen unterscheidbar bleiben.

Für eine solche Einschätzung spricht außerdem der Umstand, daß historische Wandzeitungen z. B. aus der Zeit des Dritten Reichs, der DDR oder der 68er-Bewegungen immer häufiger Eingang in die Ausstellungen historischer Museen finden.
Eine aus heutiger Perspektive verfaßte Wandzeitung muß sich darüber hinaus ohnehin grundsätzlich von historischen Zeitungen des 19. Jahrhunderts, besonders denen der ersten Jahrhunderthälfte unterscheiden: neben sprachlichen und typographischen Besonderheiten der historischen Zeugnisse, die allein schon aus praktischen Gründen (unverhältnismäßig hoher Aufwand bei der Herstellung, Verständnisschwierigkeiten beim Museumsbesucher) nicht nachgeahmt werden sollten, betrifft dies vor allem die regionale und thematische Auswahl sowie die Beurteilung des Zeitgeschehens (Tendenz). Selbst eine weitgehend „gelungene“ Nachbildung dürfte deshalb kaum zweckmäßig sein.

Auf diesen Prämissen beruht die Entscheidung für eine „moderne“ Gestaltung und für eine heute gebräuchliche Schrift (Times) – zumal wie gesehen zu bedenken ist, daß nicht nur jüngere Besucher die älteren Schriften kaum mehr lesen können. Auch die Ausstattung mit Bildern folgt modernen Gepflogenheiten. Entsprechendes gilt für die Ablehnung historisierender Titelvorschläge wie „Rastatter Bote“, „Historischer Anzeiger“ u. ä. Statt dessen verdeutlicht der unspektakuläre Titel „Aus dem Zeitgeschehen“ als sachlich-programmatische Bezeichnung die Zielsetzung des Mediums, wobei auch Benennungen in sehr expliziter Form wie etwa „Museumszeitung“ oder „Wandzeitung“ diskutiert wurden. Mithilfe solcher Namen kann außerdem die Abgrenzung zu realen Zeitungen der Gegenwart verdeutlicht werden.

Vergegenwärtigung der Vergangenheit: Nebeneinander des Nacheinander

Während eine Tageszeitung in der Regel Ereignisse eines Tages und allenfalls der unmittelbaren Vortage meldet und kommentiert, blicken andere Periodika auf eine Woche, einen Monat oder einen anderen längeren Zeitraum zurück. Im 19. Jahrhundert, der Epoche, die im Mittelpunkt der erweiterten Rastatter Ausstellung steht, kam es zu großen Veränderungen der publizistischen Angebote. Die zunehmende Regelmäßigkeit und höhere Erscheinungsfrequenz der Publikationen, z. B. der beliebten Bilderbogen, resultierte im 19. Jahrhundert in erster Linie aus den ökonomischen Bedingungen der großen Betriebe industriellen Charakters. Während der ersten Jahrhunderthälfte erschienen etwa „die groß- und mittelständischen Blätter meist zwei- manchmal auch dreimal pro Tag“ („formale Aktualität“). Wie soll jedoch die Wandzeitung eines historischen Museums im Hinblick auf den Berichtszeitraum angelegt werden? Und welche weiteren inhaltlichen Folgen ergeben sich aus einer entsprechenden Festlegung?

Da die Wandzeitung als komplementäres Medium zu den übrigen Teilen der Ausstellung vorgesehen ist, bietet es sich an, den Berichtszeitraum der Zeitung parallel zur Chronologie der Inszenierung und Dokumentation in den jeweiligen Räumen zu wählen. Daß hinter den thematischen Schwerpunkten der Rastatter Ausstellung eine chronologische Anlage steht, kommt diesem Ansatz entgegen; so kann die in einem Ausstellungbereich behandelte Epoche jeweils in einer damit korrespondierenden Ausgabe der Zeitung zum selben Zeitraum thematisiert werden.

Dabei ist zu bedenken, daß für die Wandzeitung nutzbare Flächen nur in eingeschränktem Umfang zur Verfügung stehen; daher ist auch die Zahl der Wandzeitungen entsprechend begrenzt. Angesichts dieser Situation und angesichts des vergleichsweise umfangreichen Gesamtberichtszeitraums (von 1805 bis 1914) müssen auf einer Zeitungsseite Nachrichten mehrerer Jahre zusammengetragen werden. Häufig werden sogar Zeiträume von einem Jahrzehnt und mehr auf engstem Raum behandelt; dieses Vorgehen führt zwangsläufig zu Schwierigkeiten: Z. B. suggerieren entsprechende Zeitungsseiten eine scheinbare „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“; d. h. die Seh- und Lesegewohnheiten der Betrachter verführen gerade bei oberflächlicher Lektüre dazu, im Nebeneinander des eigentlich nacheinander Geschehenen die historisch-chronologische Dimension zu übersehen. Zweitens ergibt sich für die Herstellung der Zeitungsseiten das praktische Problem der Anordnung von Meldungen verschiedener Jahre auf einer Zeitungsseite. Während dem ersten Problem durch eine eindeutige Datierung der Berichte und den entsprechenden Hinweis im Zeitungskopf („Aus dem Zeitgeschehen der Jahre von … bis …“) begegnet werden kann, bietet sich für die Anordnung der Einzelnachrichten eine Plazierung nach den üblichen Lesegewohnheiten (von links nach rechts und oben nach unten) in chronologischer Reihenfolge an. Daß die Schwierigkeiten damit nicht vollends beseitigt sind ist sowohl dem Bearbeiter als auch der Museumsleitung bewußt.

Außer dem beschriebenen Verfahren wären auch grundsätzlich andere Vorgehensweisen und Auswahlkriterien denkbar, etwa eine Konzentration auf Zeitungsartikel, die (auch ohne engen chronologischen Zusammenhang) inhaltlich mit dem Schwerpunktthema des jeweiligen Raumes korrespondieren oder das punktuelle Herausgreifen eines bestimmten Tages, der das Raumthema inhaltlich oder chronologisch sinnvoll ergänzen.

Ein anderes Chronologieproblem zeigt sich bei der Anlage der einzelnen Zeitungsmeldungen: Sie werden ähnlich wie bei modernen Presseerzeugnissen mittels Schlagzeile und Überschrift räumlich und zeitlich verortet z. B. „(Eisenach, 18. Oktober 1817)“. Demnach müssen Handlungsstränge und Konsequenzen, die danach folgten (hier nach dem 18. Oktober), im entsprechenden Beitrag für die Wandzeitung ausgespart werden; auch eine explizite Einordnung bzw. Bewertung des Ereignisses vor dem Hintergrund unserer heutigen Kenntnis der weiteren historischen Entwicklung wäre als anachronistisch abzulehnen. Vergleichbares gilt für Bezeichnungen von Personen (auch Orten oder Ereignissen) mit Namen, die ihnen erst in späterer Zeit oder postum zugeordnet wurden, etwa für die Zählung von gleichnamigen Fürsten, wie für Wilhelm I., zu dessen Lebzeiten Wilhelm II. nicht zwangsläufig antizipiert wurde (oder für das vergleichbare Beispiel des I. Weltkriegs).

Das Bemühen, die Rastatter Wandzeitung auch in dieser Hinsicht chronologisch stimmig anzulegen, führte allerdings dazu, daß mancher erwähnenswerte Zusammenhang nicht an der zu erwarteten Stelle angesprochen werden konnte. Da besonders aus historischer Perspektive jeder Vorfall in seinen zeitlichen, kausalen und zahlreichen weiteren Zusammenhängen mit Vorherigem, Gleichzeitigem und Nachfolgendem zu sehen ist, wurde bei vielen Artikeln der Wandzeitung ein Kulminationspunkt gewählt, von dem aus zumindest Seitenblicke auf Gleichzeitiges und Rückblicke auf Vorheriges möglich waren.

In diesem Zusammenhang sei beiläufig auf eine Beobachtung zur historiographischen Praxis im Hinblick auf Datierungs- und Chronologiefragen hingewiesen: So wurde die Auswertung relevanter Literatur für die Ausarbeitung der Wandzeitungstexte z. T. dadurch erschwert, daß sich sowohl die wissenschaftliche Sekundärliteratur als auch einschlägige Handbücher und Lexika bei der Datierung durch ein gewisses Desinteresse an präzisen Tagesdaten „auszeichnen“. Denn bei Darstellungen von Ereignissen im Kontext ihrer Ursachen und Folgen, wie sie nicht nur in einem historischen Museum von Belang sind, tragen Angaben mit bloßen Jahresdaten nicht besonders zum Verständnis aufeinanderfolgenden geschichtlichen Geschehens bei.

Mag auch die Abneigung gegenüber positivistischer Geschichtsschreibung noch so verständlich sein, mögen auch die von Lehrergenerationen angebeteten „Daten und Fakten“ in ihrer verabsolutierten Form zurecht abgelehnt werden, so bedarf doch die zusammenfassende Darstellung, gerade wenn sie gegenüber dem überkommenen Geschichtsverständnis andere Schwerpunkte setzen will, einer kritischen Genauigkeit. Das verlangt in chronologischer Hinsicht nichts anderes als eine möglichst überprüfte und überprüfbare Präzision. Wo seriöse Darstellungen in dieser Hinsicht Fragen offenlassen, müssen die von wissenschaftlicher Seite verschmähten populären Datensammlungen, „Chronik“-Produkte und ähnliche Publikationen aushelfen. Deren Benutzung verlangt allerdings in jedem Fall eine kritische Überprüfung der angegebenen Daten (zum Teil auch des Inhalts) , sie dienen daher zu kaum mehr als einem ersten Anhaltspunkt.

Zusammenhänge, Beziehungen, Querverbindungen

In Abweichung von den ursprünglichen Planungen, die auf die völlige thematische Unabhängigkeit der Wandzeitung von den militärgeschichtlichen Gegenständen der übrigen Präsentationen, Inszenierungen und Dokumentationsformen der Ausstellung Wert legten, entschieden sich die Beteiligten im Verlauf des Projekts, doch einzelne Nachrichten aus dem militärischen Bereich in die Zeitung aufzunehmen. Dadurch werden immer wieder Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ausstellungsmedien hergestellt, die Wandzeitung „schwebt“ nicht im „luftleeren Raum“. Außerdem wäre ein Auslassen von zentralen militärischen Meldungen bzw. Kriegsnachrichten (wie z. B. zum Krimkrieg oder xxx I. Weltkrieg) vor dem Hintergrund des bewußt gewählten Zeitungskonzepts kaum zu vertreten. Allerdings wurde (wegen der faktischen Undurchführbarkeit) von vornherein kein Anspruch darauf erhoben, möglichst alle „wichtigen“ Meldungen aus den verschiedenen gesellschaftlichen Gebieten in der Zeitung zu berücksichtigen.

Bei anderen Meldungen wurden Bezüge zwischen Militärgeschichte und Kultur-, Technik- oder Sozialgeschichte bewußt hervorgehoben: Dies ist etwa bei Nachrichten über die Säkularisation der Fall, wenn mit St. Blasien, ein Kloster behandelt wird, das danach u. a. als Gewehrfabrik diente. Andere Beispiele sind Verbindungen zwischen technischen Erfindungen, ihrer zivilen Anwendung und ihrer militärischen Relevanz, u. a. die Dampfschiffahrt auf dem Bodensee – die Rolle der Dampfschiffe im Krimkrieg – die Flottenfrage im Kontext der Militarisierung der Gesellschaft vor dem I. Weltkrieg mit Bezügen bis hin zu modischen Fragen wie den beliebten Matrosenanzügen und weiteren verwandten Themen.

Daneben spielen Zusammenhänge innerhalb der Wandzeitung eine gewisse Rolle, so etwa wenn Handlungen bestimmter zentraler Persönlichkeiten (z. B. solche Napoleons oder Bismarcks) und Ereignisse aus ihrem Leben die verschiedenen Zeitungsseiten wie ein roter Faden durchziehen; in manchen Bereichen der Ausstellung schien es geboten, thematische Schwerpunkte auch in der Wandzeitung zu betonen, wie etwa für die Jahre 1905 bis 1912 die Flottenfrage.

Diese Beispiele mögen verdeutlichen, daß hinter den scheinbar bunt zusammengewürfelten Nachrichten der Versuch steht, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne explizite Hinweise sachliche, personelle und andere Zusammenhänge anzudeuten, Querverbindungen herzustellen und entsprechende Assoziationen beim Besucher zu ermöglichen.

Abbildung und Illustration: von der Auswahl bis zum Copyright

Eine Stärke von Wandzeitungen besteht darin, daß ihre Inhalte nicht nur in Textform vermittelt, sondern außerdem mit „Bildern, Skizzen, Fotos und Karikaturen arrangiert“ werden können. Bei der zeitungstypischen Gestaltung der Wandzeitung bietet sich eine entsprechende Ausstattung an, die insbesondere Graphik, Fotografien und Karikaturen einschließt. Die Verwendung von zwei bis drei Abbildungen pro Zeitungsseite orientiert sich dabei weder an den wenig bebilderten historischen Tageszeitungen noch an besonders reich illustrierten Formen wie den weitverbreiteten Bilderbögen. Vielmehr richtete sich das Vorgehen auch hier eher nach heutigem Gebrauch. Bei der Auswahl der Bilder wurden die folgenden Kriterien angewendet:

Verwendung möglichst zeitgenössischer oder (im Verhältnis zu den geschilderten Ereignissen) zeitnaher Darstellungen, um radikale Brüche zu vermeiden.
Bevorzugter Einsatz von Abbildungen, die aus dem schulischen Bereich oder anderen Zusammenhängen weiten Kreisen bereits bekannt sind. So fanden Karikaturen wie der „Denkerclub“ (1832) oder Bilder wie Anton von Werners Darstellung der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles (1871), die in kaum einem Schulbuch fehlen, eingang in die Wandzeitung. Dieses Vorgehen soll auch dem in historischen Fragen weniger versierten Besucher den Zugang erleichtern.
Die selbstverständliche Beachtung von Copyrightbestimmungen führte dazu, daß verstärkt Originale aus den eigenen Museumsbeständen und aus Privatbesitz verwendet wurden; die wenigen Vorlagen aus Büchern stammen aus Werken, die keinem urheberrechtlichen Schutz (mehr) unterliegen.
Ein vorläufiges Fazit
Ob sich das oben beschriebene Vorgehen bewährt hat, d. h. vor allem ob die Rastatter Wandzeitung vom Publikum angenommen wird, muß die Praxis zeigen. Erste Reaktionen von Besuchern der Ausstellung sowie die Nachfrage nach gedruckten Exemplaren der Wandzeitung deuten jedoch schon jetzt auf eine beachtliche Akzeptanz. Dabei ist gerade auch an kritische Stimmen zu denken, die die Darstellung von Einzelheiten hinterfragen, jedoch die Gesamtanlage des Mediums bisher durchweg begrüßten.

Problematisch wird für manchen Leser (und nicht zuletzt auch für den Bearbeiter selbst) der verkürzende, simplifizierende Charakter der Zeitungsmeldung bleiben, prekär der für Historiker ungewöhnliche Umgang mit den Quellen (wenn etwa Philipp Jakob Siebenpfeiffers Rede beim film porno Hambacher Fest in Interviewform umgearbeitet wird). Schließlich wird, wie Friedrich Nietzsche es in anderem Zusammenhang ausdrückte, der verwöhnte Müßiggänger im Garten des Wissens immer auf die derben und anmutlosen Bedürfnisse und Nöte desjenigen herabblicken, der die Historie anders bearbeitet, der sie anders braucht und gebraucht als es z. B. im universitären Betrieb üblich ist. Und dennoch wäre mit der Rastatter Wandzeitung schon dann das erhoffte Ziel erreicht, wenn weiterhin Fragen oder Kritik an der Tendenz, Unausgewogenheit und Lückenhaftigkeit der Zeitung beim Besucher der Ausstellung evoziert werden.